„Lebendige Brücken“ zwischen Ost und West.

Die evangelische Aussiedlerseelsorge beim Kirchentag in Stuttgart

Im Messezelt Nr. 8 des 34. deutschen evangelischen Kirchentags in Stuttgart stand ein altes Eisenbett. Anna Florian und Valentine Gerlach hatten das altes Gestell am Tag zuvor zusammen gesetzt, hatten Matratzen darauf gelegt, eine bunt bestickte Tagesdecke darüber gebreitet und die Gänsefederkissen aufgeschüttelt. Die beiden Damen sind vor vielen Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen der evangelischen Aussiedlerseelsorge haben sie die Wanderausstellung „Das Russlandsdeutsche Haus“ aufgebaut, haben Wände geschleppt und zusammengesetzt, Tische und Stühle eingeräumt,  den Samowar, die Filzstiefel, Töpfe und Pfannen an ihre Plätze gestellt. Mit routinierter Bewegung strich Klara Stephanov schließlich den Bettüberwurf spiegel-glatt: „So, mit dem Unterarm, hat es die Mutter immer gemacht“, erklärte sie lachend, „Es musste alles ganz gerade sein.“ Nun ist alles fertig. Die Besucher können kommen.

Aus evangelischen Gemeinden ganz Deutschlands waren die Ehrenamtlichen der Aussiedlerseelsorge – russland-deutsche und deutsch-deutsche – am Kirchentag wieder ein Mal zusammen gekommen, um Besuchern von den Russlanddeutschen und ihrer Geschichte zu erzählen. Niemand weiß so recht zu sagen, wie oft sie die Ausstellung „Das Russlandsdeutsche Haus“ bereits aufgebaut haben. Die einhellige Meinung ist: „Irgendwie schon immer.“ Deutlich ist das Haus in die Jahre gekommen und es steht fest: Auf dem Stuttgarter Kirchentag stand das Haus zum letzten Mal.

Nicht nur Pfarrer Edgar Born, Aussiedlungsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Westfalen, der die Ausstellung vor 15 Jahren entwickelte, ist spürbar schwer ums Herz. Sein Ziel war, die Geschichte der russlanddeutschen Zuwanderer hier in Deutschland anschaulich zu machen, vom Leben, der Religion und der politischen Verfolgung von Deutschen in der Sowjetunion zu erzählen. Er wollte einen Ort schaffen in dem Russlanddeutsche selbst ihr Wissen an die hiesigen Deutschen vermitteln konnten. Deshalb war das Haus - egal an welchem Ausstellungsort es stand - immer bewohnt: Russlanddeutsche aßen, tranken und sangen mit ihren Gästen und erzählten über Geschichte und Gegenwart ihres Lebens. Pfarrer Born wollte Verständnis  wecken für das andere Deutschsein der Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, die heute hier bei uns 12% der evangelischen Kirchenmitglieder ausmachen. All das ist ihm gelungen.

Vom 3.-6. Juni 2015 war rund um das Haus wieder viel Leben zu spüren: der Fotograf Eugen Litvinov zog mit seiner Ausstellung „Mein Name ist Eugen“ viele Menschen an. Drei Mitglieder des Bundesvorstandes der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Waldemar Eisenbraun, Edmund Siegel und Ewald Oster, ließen sich nach einem Rundgang durch das Haus zu  Kaffee und russischen Plätzchen einladen. Und die Radio-Journalistin Eleonora Birkenstock machte im Haus Interviews für ein BR-Radiofeature über russlanddeutsches Leben. Schließlich wurde im Rahmen der "Gespräche am Jakobsbrunnen" über die Zukunft des interkulturellen Gemeindelebens in der evangelischen Kirche nachgedacht.

Mit Hartmut Koschyk, MdB, dem Beauftragten für Fragen der Spätaussiedler und der Heimatvertriebenen bei der Bundesregierung kam hoher Besuch ins Russlandsdeutsche Haus. Zusammen mit Kirchenpräsident i.R.  Helge Klassohn verlieh er die Preise des Projekt-Wettbewerbs „Lebendige Brücken“, der vom Vorstand der Aussiedlerseelsorge der EKD ausgelobt worden war.

Die Preisträger und ihre Projekte machen deutlich, dass Russlanddeutsche Brückenmenschen sind, Träger zweier Kulturen, verschiedener Sprache, einer ganz besonderen Geschichte und eines großen Wissensschatzes. Und deutlich wurde auch ihr großes ehrenamtliches Engagement:

Der 1. Preis des Wettbewerbs „Lebendige Brücken“ ging an die Evangeliumskirche „Glaubensgeneration e.V.“ in Heilbronn für ihre internationalen Jugendcamps „One Way“. Seit 2011 bringen sich Russland-Deutsche selbst als lebendige Brücken ein. Jedes Jahr veranstalten sie ein  Jugendcamp in Weißrussland, Lettland oder der Ukraine. Kindern aus Deutschland zeigen sie das Leben in Osteuropa. Notleidende Familien werden in den Gastländern unterstützt.  Zu einem besseren Zweck kann eine Brücke wohl nicht benutzt werden. Möglich wurde sie durch die Mehrsprachigkeit der russlanddeutschen Initiatoren.

Der 2. Preis des Wettbewerbs wurde der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens für die jährlichen Begegnungstage für Aussiedler verliehen. Nicht nur die zweisprachigen Einladungsprogramme und der zweisprachige Gottesdienst machen deutlich, dass hier eine lebendige Brücke gebaut wird.

Der Interkulturelle Verein MOSTIK e.V. Deggendorf erhielt für seine vielfältigen Brückenbau-Aktivitäten den 3. Preis des Wettbewerbs. Besonders für die Begegnungsfahrten nach Torgau und Magdeburg, die Partnerschaft zur Schule Nr. 110 in Moskau, sowie das Buch „Glück“, an dem Jugendliche aus sechs Ländern mitschrieben, zeigt, dass Mostik lebendige Brücken baut und zur interkulturelle Öffnung nicht nur in Deggendorf beiträgt.

Jeweils ein Sonderpreis wurde an  die Evangelische Erlösergemeinde Offenburg für ihr in kooperativer Trägerschaft organisiertes „Café Rabe“ und das Projekt „Eltern-TEIL-habe“ des Migrationsfachdienstes des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Lübben e.V. verliehen.

Der Kirchentag ist vorbei, die Ehrenamtlichen haben das Russlandsdeutsche Haus zum letzten Mal abgebaut. In zwei Jahren wird auf dem großen Luther-Kirchentag in Berlin eine neue Ausstellung zu sehen sein. Mit einem neuen Konzept will die Aussiedlerseelsorge mehr in die Gegenwart und Zukunft Russlanddeutscher schauen. Klar ist aber schon jetzt: einige Ausstellungstücke aus dem Russlandsdeutschen Haus werden auch dort wieder zu sehen sein.

Dr. Sabine Arnold




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Dr. Sabine Arnold

Projektleiterin „Aussiedlerseelsorge“ der SinN-Stiftung, Dekanatsbeauftragte

Dr. Sabine Arnold, Historikerin und Slavistin. 1990 bis 1994 arbeitete sie wissenschaftlich und journalistisch in Moskau. Nach einigen Jahren journalistischer Tätigkeit für ARTE und Deutschlandfunk leitet sie seit 2007 die Arbeit mit russischsprachigen Zuwanderern bei der SinN-Stiftung Nürnberg.

„Kriege und Terrorerfahrungen des 20. Jahrhunderts haben bei uns und unseren ehemaligen Feinden Narben hinterlassen. Die Aussiedlerseelsorge wendet sich dem Einzelnen zu und schlägt Brücken zwischen den Nationen. Sie ist Friedensarbeit – in der historischen Rückschau genauso wie mit dem Blick nach vorn.“

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